Forschungskolloquium ‚Hybride Rituale
der Gegenwart’ (SS 2004) Leiter: Prof. Dr. Klaus-Peter Köpping
/ Dr. Michael Rudolph / Bernhard Leistle (MA) Block: 23. und 24. Juli 2004 Beginn: Vorbesprechung s. Aushang Ort: Ethnologisches Seminar, Sandgasse 7, R
1910 In der Veranstaltung soll das Verhältnis von Ritual und Hybridität auf zwei Ebenen untersucht werden. Zum einen geht es um die Frage, welche besonderen (transformierenden) Implikationen sich durch den interkulturellen Kontakt - i.e, die Interaktion von Ideen, Kosmologien und materiellen Kräften - etwa im Zuge des Ritualtransfers oder infolge kolonialer Besetzung für Rituale ergeben. Auf der Grundlage der Unterscheidung M. Bakhtins (1981) von (natürlichen Prozessen folgender) organischer Hybridisierung und (absichtsvoller) ästhetischer Hybridisierung soll darüber hinausgehend aber auch überlegt werden, inwieweit die besondere Wirkung von Ritualen nicht gerade auch durch Einbindung ästhetisch hybrider Formen zustande kommt. So basieren Rituale - wie auch Spiele oder Theater - auf einer Manipulation der Wahrnehmung, die auf Ambivalenzen setzt (Köpping & Rao 2003a). Durch Einsetzen multivalenter Symbole, aber auch durch Nebeneinanderstellen unähnlicher Bilder werden Effekte erzeugt, mit Hilfe derer latente soziale Konflikte ausgespielt, Autoritäten herausgefordert und herrschende Moralvorstellungen unterwandert werden (Werbner 1997). Als Beispiele können jene Studien von Geister-Besessenheit, Schamanismus und Exorzismus genannt werden, in denen analysiert wird, wie weltliche Realität durch gegensätzliche hybride Figuren und symbolische Handlungen unterlaufen und umgestürzt wird (z.B. Geertz 1973; Lambek 1981; Kapferer 1982; Boddy 1989). Andere Studien thematisieren den Einsatz hybrider Bilder im Widerstand gegen Kolonialismus bzw. in der Phase post-kolonialen Traumas. Hierzu gehören etwa Taussigs Glosse über den hybriden Fetisch-Gott in den bolivianischen Zinn-Minen (1980), Comaroffs Studie zur Subversivität zionistischer Kirchen (1985), Cohens Studie zum Karneval (1993) oder auch Stollers Analyse von Hauka-Geister-Besessenheit (1995). In diesem Zusammenhang soll auch auf die frühe Diskussion in der ethnologischen Theorie über Phänomene der anti-akkulturativen Bewegungen eingegangen werden, um zu erörtern, inwiefern sich die theoretischen Erklärungsmodelle hinsichtlich der Phänomene von messianischen, millenaristischen und Cargo-Kulten verändert haben (siehe dazu Köpping 2001 und 2002). Literatur: Bakhtin, M.,
(1981), The Dialogic Imagination. Boddy, J.
(1989), Wombs and Alien Spirits. Cohen, A. (1993), Masquerade Politics: Explorations in the
Structure of Urban Cultural Movements. Comaroff, Jean (1985),
Body of Power, Spirit of Resistance. Geertz, C.
(1973), The Interpretation of Cultures. Kapferer, B.
(1982), A Celebration of Demons. Köpping, K.P.
(2001), Shamanism, Female Possession and the Embodiment of National Symbols:
The case of the Dancing Religion in Köpping, K.P. (2002), Shattering
Frames. Berlin: Reimer. Köpping & Rao (2003a), "Einleitung:
Autorisierungsstrategien in ritueller Performanz". In: E. Fischer
Lichte, C. Horn, S. Umathum, M. Warstat
(eds), Ritualität und Grenze. Tübingen/Basel 2003:
A. Francke-Verlag, S. 211-218. Köpping & Rao (2003b), „Zwischenräume". In: E. Fischer Lichte, C. Horn, S. Umathum, M. Warstat (eds), Ritualität und Grenze. Tübingen/Basel 2003: A. Francke-Verlag, S. 235-50. Lambek, M.
(1981), Human Spirits: A Cultural Account of Trance in Stoller, Paul
(1995), Embodying Colonial Memories: Spirit Possession, Power and the Hauka in Taussig, M.(1993), Mimesis and AlterityA
Particular History of the Senses. Werbner, Pnina (1997), “Introduction: The Dialectics of Cultural Hybridity. In: Werbner & Modood (1997), Debating Cultural Hybridity.
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