Wie neuere Forschungen der Seminarleiter zeigen, werden Rituale besonders im Rahmen der Prozesse postkolonialer Nationenbildung gerne politisch instrumentalisiert und umfunktioniert: Rituelle Performanzen scheinen sowohl von staatlichen Autoritäten als auch von dissidierenden und marginalisierten Gruppen als höchstwirksame Mittel zur Etablierung und Konstituierung von Identität wie Differenz angesehen zu werden. Dabei setzen herrschende Eliten und Institutionen die autochthonen rituellen Praktiken von subalternen Minoritäten als Markierungen zur Repräsentation einer distinktiven Identität auf nationalstaatlicher Ebene ein. Durch solche hegemonialen Aneignungsbewegungen ergibt sich eine Erweiterung des kontextuellen Rahmens, die zu Konflikten mit den Funktionen führt, die diesen rituellen Praktiken in ihren Ursprungsgesellschaften zuvor zukamen. Auf Seiten der Ausführenden beinhaltet diese Bedeutungsverschiebung eine zum Teil massive Veränderung in der Wahrnehmung der Performanz und ihrer eigenen Teilnahme darin. Das Oberseminar befasst sich mit der Frage, wie ethnische und regionale Minoritäten sowie sozial und ökonomisch marginalisierte Gruppen und ihre Eliten mit diesen veränderten rituellen Kontexten umgehen und sie gegebenenfalls für ihren eigenen Machtgewinn einsetzen.
Scheinerwerb: Bei der zweiten Vorbesprechung sollten Seminarteilnehmer/innen ihre Arbeitsthemen und Literaturnachweise den Seminarleitern vorlegen, um diese dann in einer mündlichen Darstellung von ca. 40 Min. max. im Blockseminar vorzustellen.
Literatur:
Anderson, Benedict, 1990. Imagined Communities, London. Bloch, Maurice, 1989. History, Ritual and Power, London: The Athlone Press. Connerton, Paul, 1989. How Societies Remember, Cambridge. Hobsbawm / Ranger, 1983. The Invention of Tradition, Cambridge. Köpping, K.-P., 2004. „Geborgte Autorität: Die Macht der Form in ritualisierten Performanzen in Japan“. In: Wulf, Christoph & Joerg Zirfas (eds.), 2004. Die Kultur des Rituals, München: Wilhelm Fink Verlag, 62-90. Köpping / Leistle / Rudolph, 2005, 'Ritual and Identity': Performative Practices as Effective Transformations of Social Reality. Hamburg/Münster/London: LIT Verlag.
Handapparat:
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