Forschungskolloquium WS 2004/05: Ritual, Autorität und Macht

 

Leiter:             Prof. Dr. Klaus-Peter Köpping / Dr. Michael Rudolph / Bernhard Leistle (MA)

Block:              Januar 2004

Beginn:            1. Vorbesprechung: ; 2. Vorbesprechung:

Ort:                  Ethnologisches Seminar, Sandgasse 7, R 19

 

Ein wesentliches Forschungsinteresse ist in der Ritualwissenschaft auf die Frage gerichtet, in welchem Maße sich agentive (reflexiv gesteuerte) und nicht–agentive (in den Habitus eingeschriebene) Kräfte beim Entstehen ritueller Wirksamkeit einander bedingen. Zentrale Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang der Betrachtung der Wechselbeziehung von Akteuren und Audienzen zu. Im Forschungskolloquium geht es darum, den hier skizzierten Fragenkomplex unter Einbeziehung der einschlägigen Literatur und neuerer Feldforschungsergebnisse aufzuarbeiten.

Verschiedene Autoren haben in ihren Arbeiten die Mittel und Methoden untersucht, mit denen Führer, Eliten und Autoritäten in Ritualen auf die Wahrnehmung von Menschen Einfluss nehmen. Stanley J. Tambiah (1979) etwa zeigt, wie rituelle Symbole und Handlungen mit einer bestimmten kosmologischen Bedeutung absichtsvoll so verwendet, modifiziert oder verändert werden, dass sie indexikalisch soziale Hierarchien festigen, legitimieren und realisieren. In einer Studie über die “Natur der Kommunikationsmedien des Rituals” geht Maurice Bloch (1989a) darauf ein, wie in ritualisierter Sprache, Musik, Körperbewegungen und materiellen Symbolen Formalisierung auf der einen Seite mit einer „Reduktion von Wahlmöglichkeiten“ einhergeht, die die Kreativität und das Potential von Kommunikation drastisch senkt, während es auf der anderen Seite zu einer Verstärkung der Autorität des Rituals und des Potentials sozialer Kontrolle kommt. Klaus-Peter Köpping (2004a) erweitert Blochs Argument, indem er zeigt, wie Führungspersonen spezielle Effekte mit symbolischen rituellen Aktionen erzielen können, indem sie Autorität “borgen“ bzw. sich in irgend einer Weise auf die Autorität anderer berufen, das diese Art der Anleihe auf der anderen Seite allerdings gleichzeitig auch die Autorität des beliehenen Gegenübers stärken kann. Köpping vergleicht diesen Vorgang mit der heute üblichen Zitationspraxis in der wissenschaftlichen Literatur.

Termine: Erste Vorbesprechung, Zweite Vorbesprechung und Blocktermine, siehe oben. Scheinerwerb: Bei der zweiten Vorbesprechung sollten Seminarteilnehmer/innen ihre Arbeitsthemen und Literaturnachweise den Seminarleitern vorlegen, um diese dann in einer mündlichen Darstellung von ca. 40 Min. max. im Blockseminar vorzustellen.

 

Literatur

 

Austin, John L., 1962, How to Do Things with Words. Oxford 1962.

Bloch, Maurice, 1989a (zuerst 1974), “Symbols, Song, Dance and Features of Articulation: Is Religion an Extreme Form of Traditional Authority?”. In: Bloch, Maurice, History, Ritual and Power, London: The Athlone Press, p. 19-45.

Bloch, Maurice, 1989, Ritual, History and Power. Selected Papers in Anthropology. London: The Athlone Press 1989.

Comaroff, Jean & John, 1992, Ethnography and the Historical Imagination, Boulder 1992.

Hymes, Dell, 1973, Breakthrough into Performance. Urbino 1973.

Köpping, Klaus-Peter & Ursula Rao: „Einleitung: Autorisierungsstrategien in ritueller Performanz“. In: E. Fischer Lichte, C. Horn, S. Umathum, M. Warstat (eds), Ritualität und Grenze. Tübingen/Basel: A. Francke-Verlag 2003, p. 211-218.

pping, K.-P., 2004a, „Geborgte Autorität: Die Macht der Form in ritualisierten Performanzen in Japan. In: Wulf, Christoph & Joerg Zirfas (eds.), Die Kultur des Rituals. München: Wilhelm Fink Verlag 2004: 62-90.

Köpping, K.-P.,  2004b, Ritual und Theater im Licht ethnologischer Theorien: Interperformativität in Japan. In: Harth, Dietrich & Gerrit Jasper Schenk, Ritualdynamik. Heidelberg: Synchron Verlag 2004, p.339-361.

Tambiah, S.J.: A Performative Approach to Ritual. In: Proceedings of the British Academy, Vol. LXV. London 1979.