Ritual und Reflexivität
In dem Oberseminar wird der Frage nachgegangen, welche Rolle das Moment der Reflexivität in rituellen Performanzen spielt und welche Implikationen es für Rituale und Akteure hat. Ein wesentliches Augenmerk der Performanztheorie bei der Untersuchung der Effektivität von Ritualen ist auf Prozesse der Selbst-Reflexion und Interpretation gerichtet. So wird davon ausgegangen, dass die dramatische oder performative Dimension des sozialen Handels Spiegelungen bewirkt, die es der Gemeinschaft wie auch Individuen ermöglichen, von sich selbst zurückzutreten und über die eigenen Handlungen zu reflektieren – ein Vorgang, der in der Regel nicht ohne Konsequenzen für das Bewusstsein der Gemeinschaftsmitglieder und ihre Performanzen bleibt (Turner 1982). Eine wichtige Frage nun ist, inwiefern dieser Effekt in der heutigen Zeit besonders infolge der verstärkten Medialisierung von Ritualen, aber auch durch Phänomene wie durch die postmoderne Fragmentierung (i. e., des Selbst, der Familie, der Gemeinschaft) sowie durch Prozesse religiöser Reform u. U. noch verstärkt wird: So sind Rituale heute immer häufiger nicht mehr nur Objekt der Selbstreflexion in geschlossenen Gemeinschaften, sondern werden von Mitgliedern unterschiedlicher kultur-ethnischer und religiöser Zuordnungen wahrgenommen, interpretiert und re-flektiert. Eine der Folgen ist, dass - im Zuge der fortschreitenden Relativierung einst verbindlicher Traditionen - die traditionellen Handlungsmuster und mit ihnen die alten Rituale aus der normativen Klammer gelöst werden und in ihren einzelnen Bestandteilen nun frei verfügbar für jede Art der Instrumentalisierung sind (Giddens 1994).
Scheinerwerb: Bei der zweiten Vorbesprechung sollten Seminarteilnehmer/innen ihre Arbeitsthemen und Literaturnachweise den Seminarleitern vorlegen, um diese dann in einer mündlichen Darstellung von ca. 40 Min. max. im Blockseminar vorzustellen.
Literatur
Connerton, P. 1989. How Societies Remember. Cambridge: Cambridge University Press. Giddens, A. 1994. “Living in a Post-Traditional Society”. In: Beck, Giddens, Lash (eds.) 2001. Reflexive Modernization. Politics, Tradition and Aesthetics in the Modern Social Order. Oxford. Houseman, M. & Severi, C. 1998. Naven or the Other Self: A Relational Approach to Ritual Action. Leiden: Brill. Hughes-Freeland, F. & Crain, M. M. (eds.) 1998. Recasting Ritual. Performance, Media, Identity. London, New York: Routledge (hierin enthalten u. a.: Hoëm, Ingjerd, 1998, “Clowns, Dignity and Desire. On the Relationship Between Performance, Identity and Reflexivity”, 21-43). Humphrey, C. & Laidlaw, J. 1994. The Archetypal Actions of Ritual: A Theory of Ritual Illustrated by the Jain Rite of Worship. Offord: Clarendon. Köpping, P. & Rao, U. (eds.) 2000. Im Rausch des Rituals: Gestaltung und Transformation der Wirklichkeit in körperlicher Performanz. Hamburg: LIT. Tambiah, S. 1979. “A Performative Approach to Ritual”. In: Proceedings of the British Academy 65: 113-169. Turner, V. 1982. From Ritual to Theater. New York: Performing Arts Journal Publ.. | ||||||||||||||
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